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Meine Suche nach der Wahrheit

August 17, 2009

Meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich saßen in der U17, die U-Bahn, die in Richtung Essener Innenstadt fährt. Immernoch musste mein Bruder die Krücken mitschleppen um sein Bein zu schonen, doch zum schonen kam er nicht, denn wir hatten die Haltestelle erreicht, von der wir dachten, es sei die Richtige.
Eine dreckige Stadt, verrottete Mauern und abblätternde Farbe von schlechten Graffitis zierten die nach Urin stinkende Umgebung. Es war Tag, so ließ es zumindest das matte Grau über den Dächern der Hochhäuser vermuten und wir waren auf der Suche… Schier endlos auf der Suche… Nach was? Das weiß ich nicht mehr und wusste es auch zu diesem Zeitpunkt schon nicht, nur, dass es sehr wichtig war dort anzukommen. Immer gereizter wurde die Stimmung zwischen uns Dreien, meine Mutter klagte über ihre fürchterlichen Bauchschmerzen und meinem Bruder blieb der Atem weg. Er konnte einfach nicht so schnell laufen mit den Gehhilfen an beiden Armen. Wieder stiegen wir in eine Bahn, wieder liefen wir durch das Labyrinth der Großstadt, unzählige Male wiederholte sich dieser Ablauf, nur die Gegnd änderte sich, obwohl wir immernoch am Rande der Innenstadt waren.
Endlich! Wir hatten unser Ziel erreicht, eine kleine Wohnung. Meine Wohnung? Kann gut sein, denn auf den gelben Tapeten waren viele sinnlose Worte und Phrasen mit Edding geschrieben, Aufkleber klebten auch dort. Es musste meine Wohnung sein!! Meine damalige Brieffreundin, die ich Jahre schon nicht gesehen hatte betrat das Zimmer und wollte mit mir alleine sprechen. Was mein kleiner Familienkreis in der Zeit tat, weiß ich nicht, wahrscheinlich versuchten sie sich auszuruhen vom ewigen Lauf.
„Komm, wir bringen uns um!“, gab sie mir erfreut als Vorschlag. Ich befand die Idee für gut und suchte aus meiner Medikamentenschublade schon einmal herraus, was in hoher Dosierung tödlich sein kann. Ich wurde fündig und präsentierte ihr stolz LSD und Paracodin-Tropfen. Zu den Tropfen erklärte ich ihr, dass das Codein die Lungenbläschen zusammenzieht, in der Packungsbeilage stand, dass man davon bei einer Überdosis ins Koma fallen kann. Also war es sehr wichtig, das wir notfalls eine schöne Zeit im Koma verbringen würden, deshalb also das LSD. Sie verließ den Raum und ich begann beide Substanzen zu vermischen, zu vermischen mit Ketchup, denn das Ergebnis sollte die Sauce werden für ein paar gammelige Imbissbuden Pommes, die sehr schön gelb und labbrig in ihrem Papierschiffchen gestapelt waren. Durch Beigabe der hochkonzentrierten Chemikalien verfärbte sich der künstlich rote Ketchup zu einer eher an verdicktes Blut wirkenden Masse. Ich nahm schon mal ein paar Gabeln von unserer letzten Mahlzeit, wirklich lecker!! Ich bemerkte den Hunger in meinem Bauch und piekste immer mehr Kartoffelstäbchen auf. Ordentlich viel Sauce, damit es wirkt!! Viel Sauce!! Sie betrat wieder den Raum, mit Augen der Realität. Ihr Leichtmut, ihr kindliches Glück, waren verbannt aus ihrem Gesicht, nur eine ernste Mine bliebt zurück. „Ich glaube wir sollten das doch nicht tun.“ Entsetzt schaute ich sie an, dann zu meiner Portion Pommes „Spezial“ und als ich begriff, war es bereits zu spät.
Keine Luft mehr! Meine Lungenbläschen!! Sie schrumpfen, sie schrumpfen!! Eine nette Panikattacke begleitete mich fortan, ich musste etwas tun, bevor es ganz zu spät war. Ich rannte wieder zu meiner Mutter und meinem kleinen Bruder und berichtete, was ich getan hatte. „Ich muss ins Krankenhaus, ins Krankenhaus!!“, stöhnte ich, doch meine Mutter erwiderte nur, dass sie doch gerade kein Auto hätte. Okay, dann also zu Fuß!! So schnell es ging waren wir 3 wieder auf der Straße, meine Brieffreundin war so schnell verschwunden, wie sie aufgetaucht war, doch ich machte ihr keine Vorwürfe, eher mir, ich hätte auf sie warten sollen!! Wir beeilten uns die Straßen entlang zu laufen und immer mehr verschwamm die Welt um mich herum. Keine Luft mehr, keine Luft mehr!! Immer lagsamer wurden meine Schritte, immer bizarrer und dunkler die Welt um mich herum und plötzlich waren dort Menschen… viele Menschen, die einfach nicht aus dem Weg gingen. Was wollten die von mir? Sie schnitten mir den Weg zu meiner Mutter und meinem Bruder ab, schubsten sie zur Seite und sie sollten sich auf den Bürgersteig setzen. Meine Mutter schrie irgendetwas, aber ich wusste, dass sie nichts ausrichten konnte, da ihr Körper viel zu schwach war, ebenso der meines Bruders und ebenso meiner.
„Na du Schlampe, jetzt krichst du mal gehörig was auf die Fresse!“, sagte eine langhaarige, blonde Modepuppe zu mir. Sie war dürr, wie die anderen Mädchen um sie herum, geschmückt mit für meinen Geschmack zu großen Ohrringen und einem spöttischen Funkeln in den Augen. „Wir machen dich fertig!“ „Jetzt haben wir dich!“ Immer wiederholten sie Worte dieser Art, doch ich wusste partout nicht warum sie mir etwas wollten, ich war viel zu benebelt um klar denken zu können und sank schon zu Boden noch bevor eine von ihnen zuschlagen konnte. Enge Jeans um dürre Beine, lange schlabberige Oberteile, große mit Kitsch verziete Gürtel und Tonnenweise Make-Up auf der von der Sonnenbank gebräunten Haut… Ich mochte solche Weiber noch nie, aber ich bin ihnen immer höflich aus dem Weg gegangen. Wer zur Hölle war das und warum ließen sie mich nicht einfach ins Krankenhaus gehen? Ich fragte sie immer wieder, warum gerade ich, ob jemand sie beauftragt hätte mich zu verprügeln und wenn ja wer. Da ich keines der Gesichter kannte, war es sehr logisch, dass sie beauftragt wurden und es stimmte. „Du weißt ganz genau wer und warum!“ „Tu nicht so, als hättest du keine Ahnung!“ während dieser Worte schlug eine zierliche Hand hart in mein Gesicht. Verzweifelt versuchte ich ihnen klar zu machen, in welcher ungünstigen Lage ich mich gerade befinde und das sie doch bitte vorbeikommen sollten, wenn es mir wieder gut geht, sonst sein sie ja letzendlich für meinen Tod verantwortlich. Mir blieb immer weniger Atem für die Versuche sie davon zu überzeugen, dass es gerade wirklich eine schlechte Idee war. Meine Augenlider schlossen sich immer öfter und ich konnte nur noch blinzeln, um ihr hämische Grinsen zu sehen. „Wen hast du damals nicht aus den Augen gelassen?“ „Wem hast du den Freund genomme?“ Ich überlegte und kam zu dem Schluss, das es viele sein konnten… Sie Löcherten mich immer mehr mit Fragen solcher Art, die wahrlich auf viele der Menschen, denen ich begegnet bin zutreffen würde. Und dann nannten sie mir den Namen. „Denise“ …der letzte Schock hatte mich noch einmal in die Realität geholt. Adrenalin, ich spürte, wie mein Herz wie wild anfing zu schlagen, ich schnappte nach Luft. „Immernoch?“, fragte ich. Ich fand es verwirrend, dass sie wohl immernoch nur Hass für mich übrig hatte, wo ich ihr nie etwas angetan habe. Oder vielleicht habe ich das doch… Mir war sie über die Jahre egal geworden, ich verschwendete kaum einen Gedanken an sie, aber in diesem Augenblick kam alles wieder hervor, was sich tief eingegraben hatte. Ich hörte meine Mutter rufen und noch bevor ihre Stimme erlosch spürte ich einen Fuss in meinem Magen und Blut in meinem Mund, ich sank zu Boden und die Welt wurde entgültig schwarz.

Als ich aufwachte schlug mein Herz immer noch wie wild und machte ich mir die ganze Zeit Gedanken darüber, ob diese Mädchen wirklich dort waren und mich verprügelt hatten oder ob es eine sehr realistische Halluzination, bedingt durch das viele LSD war. Ich kam zu dem Schluss, dass es eine Halluzination war, denn mein Körper war eh schwach und kaputt von der Codein-Dosis. Dann aber machte ich die Augen ganz auf, sah, dass meine Mutter neben mir schlief, hörte meinen Bruder im selben Zimmer auch leise schnarchen und stellte fest, dass es weder Realität, noch Halluzination war. Das alles war ein Traum!

Sophie Filow, 17.08.2009